Aus der Geschichte der Kreisstadt Euskirchen:
Kindergarten und gymnasiale Frauenbildung

von Hans-Dieter Arntz

 

Seit Jahrzehnten streitet man sich um pädagogische, funktionale, strukturelle oder ökonomische Probleme des Kindergartens. Im Augenblick geht es um das Kinderbildungsgesetz (Kibiz), dessen Realisierung den Weg zu einem modernen Kindergartengesetz frei macht.

Grundsätzliche Kontroversen begannen bereits in den  60er Jahren, als man nicht nur in Pädagogen-Kreisen den so genannten „Strukturplan für das Bildungswesen" diskutierte, der als Empfehlung der Bildungskom­mission das gesamte Bildungs­wesen der Bundesrepublik – vom Kindergarten bis zu einer gymnasialen Kollegstufe und beruflichen Ausbildung - strukturieren und reorganisie­ren sollte. Dabei wurde dem Kin­dergarten ebenso eine hohe Be­deutung zuerkannt, wie aber auch an sei­ner bisherigen Form Kritik ge­übt wurde.

Heute müsste man sich fragen, was – und unter welchen Bedingungen oder Voraussetzungen – aus den jeweiligen Plänen geworden ist. Da viele diesbezügliche Aspekte auch zurzeit recht konträr diskutiert wird, soll ein kleiner historischer Rückblick auf die Geschichte des Kindergartens in der Kreisstadt Euskirchen gegeben werden.

Die historischen Quellen, die hauptsächlich im Stadtarchiv zu finden sind, konstatieren für die Zeit vor etwa 170 Jahren eine durchaus beachtenswerte Didaktik und Methodik. Leider gab es keine logische Fortsetzung des „Fröbelschen Kindergartens“, da er durch die Stiehl`schen Regulative als subversiv statt als progressiv bewertet wurde. Diese Form der  Pädagogik  wurde untersagt.

Was Jahrzehnte später folgte, war somit oft  im Grunde genommen eine – im wahren Sinne des Wortes - „Kinderverwahrschule“, die für bestimmte Zeiten die Mütter entlasten sollte. Eigentlich hatte dies nur wenig mit der pädagogischen Förderung einer vorschulischen Institution zu tun.

Parallel zu dieser Entwicklung verlief – wie überall in Deutschland - auch in Euskirchen ein pädagogischer Prozess, der sich als höhere Frauenbildung im allgemeinen Bildungswesens verstehen lässt. Über den Ursprung des Euskirchener Kindergartens und die gymnasiale Frauenbildung soll in diesem Beitrag rückblickend die Rede sein.

1. Von der „Verwahrschule“ zur „Kleinkinderschule“ (19.Jahrhundert)

Dass Euskirchens Haltung zum Bildungs- und Erziehungs­wesen in der Mitte  des 19. Jahrhunderts keineswegs abweisend war, bewies die früh­zeitige Gründung einer „Ver­wahrschule für kleine Kinder", einem Vorläufer der heutigen Kindergärten. Die   Kreisstädter wussten den erzieherischen Geist eines Friedrich Fröbel (1782-1852) wohl aufzunehmen – unter der Voraussetzung, dass dessen Verständnis von Kindererziehung im Rheinland und der Voreifel schon bekannt war.

Dazu heißt es im Hauptver­waltungsbericht Euskirchen für das Jahr 1845:

Diese erst im Laufe des Jahres ins Leben getretene Anstalt wird durch die Ehefrau des Lehrers Hagen ge­leistet. Derselben sind dermalen 16 Kinder unter fünf Jahren zugewandt. Sie werden liebevoll un­terwiesen und besuchen sie gerne. Die Frau Hagen ist zwar kinderlos, weiß aber zärtlich und unterweisend mit diesen Kleinen umzugehen und da­durch die Eltern zu befriedigen: Zählen lernen, Denkspiele, Kopfrechnen und Höflichkeitsbezeigungen sind die vorzüg­lichsten Gegenstände, welche diesen Kleinen sozusagen spie­lend beigebracht werden!

Dies erinnert im Ansatz an den Fröbelschen Kinder-„Garten“, in dem Kleinkinder auf pädagogisch sinnvolle Weise beschäftigt wurden. Der Pädagoge Friedrich Fröbel hatte bereits um 1840 einen ersten Kindergarten gegründet, in dem er den Kindern mit selbst entwickelten Spiel- und Beschäftigungsmitteln eine Art Vorschulerziehung bot. Er gründete auch ein Seminar für Kindergärtnerinnen, das Jahrzehnte später Vorbild für eine moderne Vorschulpädagogik war und sich im Jahre 1972 in Euskirchen  zur „Fachschule für Sozialpädagogik“ entwickelte.

Somit gehörte Euskirchen zu den wenigen rheinischen Kleinstädten, die nachweislich bereits 1845 einen „Kindergarten" im ursprünglichen Sinne hatten. Detaillierte Angaben und Ergebnisse, die diese Einrichtung  näher bestimmen könnten, sind dem Quellenmaterial des Stadtar­chivs nicht mehr zu entnehmen. Viele Unterlagen sind durch Kriegseinwirkung verloren gegangen. Fest steht, dass bald der Vorläufer einer späteren „Verwahr­schule für kleine Kinder“ aus Mangel an Beteiligung wieder geschlossen wurde. Den­noch leistete Euskirchen hier Pionierarbeit, und auch diese Anfänge schufen Grundlagen, die die Kreisstadt Euskirchen bald zu einem kleinen kulturellen Zentrum und zur „Stadt der Schulen“ machten.

Kurz danach, nämlich im Jahre1849, wurde der Euskirchener Pädagoge Schilling, nach dem später eine Straße in der Nordstadt benannt wurde, mit dem Unterricht in einer  „Kleinkinder­schule" beauftragt. Hierbei han­delte es sich jetzt um fünf- bis sechs­jährige  - nur zum Teil schul­pflichtige - Kinder, die allmäh­lich in die Schularbeit einge­führt wurden. Dies war ein konsequenter Fortschritt!

Die Akten kon­statieren 187 Kinder, von denen 83 vormittags und 104 nachmit­tags unterrichtet wurden. Der Euskirchener Pädagoge ent­sprach hiermit durchaus den heutigen Forderungen, kindgemäße, spielerische Betätigung und Motivation zum Lernen anzu­bieten. Dennoch musste es bald „sehr gesittet“ zugehen, weil neue Vorschriften – im Sinne der „Regulative von Stiehl“ – strikt beachtet werden mussten.

Soziologisch ist es für die Kreisstadt interessant, dass anfangs hauptsächlich die „High Society" ihre Kinder dort fördern ließ.  Unterweisung und Betreuung mussten nämlich bezahlt werden. 

 

frauenbildung_011Euskirchener Zeitung vom 20. August 1890                                                           Euskirchener Zeitung vom 21. Mai 1890

 

Aber das änderte sich bald, weil der Staat in dieser Institution eine sozialpädagogische  und statusnivellierende Einrichtung für alle Schichten sah.

Der 2. Juni 1890 ist ein besonderes Datum in der historischen Betrachtung unserer Euskirchener Kindergärten: Bürgermeister Selbach hatte eine „Kleinkinderbewahrschule für alle“ in der Euskirchener Zeitung angekündigt und weihte diese am ge­nannten Datum im Nebenge­bäude des „hiesigen Marienhospitals" in der Klosterstraße feierlich ein. Die Struktur der Institution war jetzt genau festgelegt.

Die Leitung dieser Institution hatten die Armen Schwestern vom Orden des Heiligen Fran­ziskus übernommen. Die Bedin­gungen für die Aufnahme - und es wurden besonders arme Kinder berücksichtigt -, waren folgende: Die Kinder mussten „we­nigstens ein Alter von drei Jah­ren erreicht haben und stets reinlich und ordentlich angezo­gen sein. Öffnung der Kleinkinderbewahrschule: 8 bis 11.30 und 1 bis 4.30 Uhr nachmittags.“  Für das pünktliche Eintreffen und Abholen der Kinder hatten die Eltern zu sorgen. Außer einem Butterbrot durften die Kinder nichts mitbringen. Das Schulgeld  betrug monatlich 50 Pfennige und war im Voraus zu entrichten.

Seit dem 2. Juni 1890 entwickelten sich nun mehrere Euskirchener Kindergärten systematisch fort. Töchter aus „besseren Kreisen“ gingen am Anfang des 20. Jahr­hunderts in die Kindergärten der Ursulinen und Dominikane­rinnen, von wo aus der Über­gang zur Grundschule und zum Lyzeum im eigenen Hause mög­lich war. Es ist jedoch eine Tatsache, dass der Wunsch der Euskirchener Stadtverwaltung, besonders ärmere Kinder zu betreuen und fördern, seit 1890 den Ausbau der Euskirchener Kindergärten bewirkte.

 

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Anzeige aus der Euskirchener Zeitung vom 27. Mai 1905

 

2. Gymnasiale Frauenbildung in Euskirchen

In einer Ansprache1993 meinte Volker Piesche, kommissarischer Schulleiter des Gymnasiums Marienschule, rückblickend, dass 1976 - mit dem letzten Abitur am Gymnasium für Frauenbildung -, in der Kreisstadt Euskirchen eine pädagogische Epoche zu Ende gegangen sei. In diesem Jahr hatte nämlich die letzte Klasse dieses Schultyps das Abitur am Gymnasium für Frauenbildung abgelegt. Tatsächlich war nach etwa einem halben Jahrhundert ein gymnasialer Zweig ausgelaufen, der – unter pädagogisch-praktischem Gesichtspunkt – nicht mehr gewünscht war. Nur noch Fotos in der Chronik der Marienschule erinnern heute daran, dass die Schülerinnen in der Obersekunda für mehrere Wochen in einer Säuglingsstation tätig sein mussten, in der Unterprima in einem Kindergarten und in der Oberprima in einer Schule.

Ein Rückblick soll daran erinnern, dass diese besondere Schulform zur Vorbereitung auf „nichtwissenschaftliche, sondern mehr frauliche Aufgaben“ seit Ende des 1. Weltkrieges von den Dominikanerinnen institutionalisiert wurde: Frauenschule und Kindergar­ten (1919-1929), Kindergärtnerinnen- und Hort­nerinnen-Seminar (1927/28), Sozialpädagogi­sches Seminar (1928-1935), Haushaltungsschule mit staatlicher Anerkennung (1929-1939), Frauenoberschule (1935/36: „Privates Oberly­zeum mit 3jähriger Frauenschule i. E.“) und eine Mittelschule für Mädchen (1927-1930). Kein Wunder also, dass die großzügigen  Anlagen - mit Kindergarten, Park und kleinem Schwimmbad  zwischen Ursulinen- und Kölner Straße - damals die Bewun­derung der Euskirchener Bevölkerung erregten.

 

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Mit der Reformierten Oberstufe nahm man dann Abschied von der Frauenoberschule bzw. dem Gymnasium für Frauenbildung. Oberstudiendirektorin Dr. Röttger überreichte im Juni 1976 zum letzten Male den Gymnasiastinnen, die sich neben den obligatorischen Fächern auch für Haus­wirtschafts- und Erziehungswissenschaft inter­essiert hatten, das Zeugnis der Reife.

Mit Respekt sollten wir das Bemühen der Domini­kanerinnen würdigen, seit 1919 „katholischen deutschen Mädchen das rechte Verständnis für die Fragen der Zeit, besonders auf wirtschaftli­chem und sozialem Gebiete zu vermitteln". Seit der staatlichen Anerkennung im Jahre 1929 und der Verbindung der Haushaltungsschule mit dem Oberlyzeum und Sozialpädagogischen Seminar (Kindergarten) wurde den Schülerinnen an schulmäßiger, handwerklicher und praktisch-pflegerischer Ausbildung mehr geboten als in einer für sich allein bestehenden Haushaltungsschule.

Die Chronik der Dominikanerinnen von Arenberg  berichtet für das Jahr 1928:

(…) Drei Möbelwagen von Arenberg kamen an. Dort hatte von 1923-1928 das Sozialpädagogische Seminar be­standen. (…) Das Seminar hatte von der Regierung die Erlaubnis erhalten, Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen in zweijährigem Kursus auszu­bilden. Für begabte Volksschülerinnen wurde ein einjähriger Lehrgang eingerichtet, der mit der mittleren Reife abschloss. Kindergarten und Hort wurden eröffnet. Die Stadtverwaltung hatte be­schlossen, für die Speisung von 30 Hortkindern einen Zuschuss zu gewähren  (…). Am 30. Oktober erhielt das Seminar die Genehmigung zur Einrichtung eines eigenen Prüfungsausschusses zur Abhaltung der Schulwissenschaftlichen Vorprü­fung (…).

Für viele Ehemalige mag der 28. 5. 1927 interes­sant gewesen sein, nicht nur, weil an diesem Tage der Grundstein für den Seminar-Neubau an der Köl­ner Straße gelegt wurde, sondern weil zu diesem Anlass ein Foto „geschossen" wurde, das selten sein dürfte: es zeigt die gesamte Schwestern­schaft!! Eine ehemalige Schülerinnen meinte nachdenklich: „Früher ließen sich doch Nonnen nicht fotografieren!“

 

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Das Sozialpädagogische Seminar wurde am 5.4.1935 geschlossen, weil sich nicht mehr genügend Schülerinnen gemeldet hatten. Der Einfluss der Nationalsozialisten und deren Auffassung von Pädagogik war sicher einer der Gründe hierfür. Immer mehr wurden kirchliche Privatschulen drangsaliert, und immer wirksamer wurde die „Gleichschaltung“ auf allen Gebieten.

Die dreijährige Frauenschule (Frauenoberschule) wurde 1935 dem Oberlyzeum, das in 9 Jahres­klassen zum Abitur führte, angegliedert. Sie baute sich auf der U II des Lyzeums auf und ermöglichte in drei Jahren als Abschluss das „Werk­abitur".

Diese Schulabteilung erzieht junge Mädchen (…) zu tüchtigen, praktisch durchgebil­deten Frauen und befähigt sie, das Lebens­schicksal ihres Volkes sinnvoll handelnd mitzugestalten und auf den Schaffensgebieten der deutschen Frau Wertvolles zu leisten.

Nach der ministeriellen Verfügung vom 8. 7. 1935 berechtigte das Reifezeugnis u. a. auch zum Studium an der Hochschule für Lehrerinnenbildung und zum Eintritt in den einjährigen Lehrgang an den Insti­tuten für Leibesübungen an den preußischen Universitäten.

Durch die Neuordnung des höheren Schulwesens vom29. 1. 1938 verkürzte der Nationalsozialismus die neunjäh­rige Höhere Schule auf acht Jahre. Dies bedeu­tete für die Mädchenschule eine Teilung der Oberstufe in eine sprachliche und eine hauswirt­schaftliche Form. In dieser Neuordnung heißt es:

(…) die neue hauswirtschaftliche Form der Oberstufe für Mädchen steht dabei in ganz be­sonderem Maße im Dienste der Forderungen, die das Leben an die deutsche Frau und Mutter in Familie, Beruf und Volksgemeinschaft stellt (…).

Wissenschaftliche Kriterien wurden erst nach dem 2. Weltkrieg in den Frauenoberschulen und Gymna­sien für Frauenbildung verwirklicht. Das Gymna­sium für Frauenbildung, das durch die Differen­zierung in Mittel- und Oberstufe - wie auch das traditionelle „neusprachliche Mädchengymna­sium" - mit dem Schuljahr 1975/76 auslief, wandte sich vor allem in der Oberstufe an Mäd­chen mit besonderen Fähigkeiten auf sozialem, künstlerisch gestaltendem und hauswirtschaftlichem Gebiet. Deshalb traten als charakteristische Fächer Pädagogik und Hauswirtschaftswissen­schaft in den Vordergrund. Sie wurden durch Kindergarten- und Sozialpraktikum ergänzt und vertieft.

Dieses im Volksmund oft respektlos genannte „Pudding-Abitur" war ein vollwertiger Schulabschluss und ermöglichte als volle Hochschulreife das Studium an allen Hochschulen von NRW.

Das 1919 von den Dominikanerinnen in Euskirchen begonnene Werk der „Frauenbildung" fand auch in der Marienschule im Sommer 1976 durch die Emanzipationsbewegung, Koedukation, Reformierte Mittel- und Oberstufe seinen Abschluss.

 

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1975: Die vorletzte Abiturklasse des Euskirchener Gymnasiums für Frauenbildung
(rechts die Schulleiterin Dr. Auguste Röttger)

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