Ein mit „sehr gut“ benoteter Aufsatz aus dem Jahre 1915: „Wie kann ein deutsches Mädchen im Kriege dem Vaterlande sich nützlich erweisen?“

von Hans-Dieter Arntz
23.07.2008

Es ist bekannt, dass die Didaktik immer eine „Antwort auf brennende Probleme der jeweiligen Gegenwart“ ist. Besonders die Lehrpläne jeglicher Epoche für das Schul- und Bildungswesen bestätigen das in manchmal ungemein krasser Form. Nicht nur die vielen Schulbücher und Lesetexte können dies belegen, sondern auch Gedichte, Lieder und die Themen der Schulaufsätze. Meine frühere  Kollegin Margot Bank hatte dieses Phänomen 1978 in einem Beitrag zur Chronik des Gymnasiums Marienschule unter der Überschrift „50 Jahre schriftliche Reifeprüfung“ analysiert.

Frau Dr. Sofia Claus-Vogt stellte vor 30 Jahren der Schulleitung einen Aufsatz zur Verfügung, den ihre Mutter Etha Vogt geb. Thum verfasst hatte. Als Schülerin der Klasse 1 hatte die damals 16jährige einen Aufsatz verfasst, der den 1. Weltkrieg zum Inhalt hatte und am 11.März 1915 von ihrer Klassenlehrerin Chrysostoma mit „sehr gut“ benotet wurde. Er ist ein Beleg für die deutschnationale Gesinnung, die auch an einer von katholischen Dominikanerinnen geführten höheren Mädchenschule in Euskirchen herrschte. Das ist keineswegs eine Kritik, sondern nur die Bestätigung der oben gemachten Aussage. Die Überschrift des 9. Klassenaufsatzes im Schuljahr 1914/15 lautete: „Wie kann das deutsche Mädchen dem Vaterlande im Kriege sich nützlich erweisen?“

 

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Nr. 9
Klassenaufsatz

11. März 1915


Wie kann ein deutsches Mädchen im Kriege dem Vaterlande sich nützlich erweisen?

Der Krieg fordert von jedem Menschen kleinere oder größere Opfer, und freudig sind alle bereit, für das Vaterland etwas zu tun. So tritt auch an uns deutsche Mädchen die Pflicht heran, uns in etwa dem Vaterlande nützlich zu erweisen, und es wird uns hierzu manche Gelegenheit geboten.

Grosse Begeisterung erwachte unter den deutschen Mädchen zur Zeit der großen Truppentransporte, galt es doch, unseren tapferen Kriegern Speise und Trank zu reichen, ihnen, die Leben und Gesundheit für uns einsetzen. Gar manches Wort der Aufmunterung klang aus frohem Mädchenmunde und traf das Herz eines trauernden Kriegers, der vielleicht gerade sein teures Weib und seine Kinder verlassen hatte und einem ungewissen Schicksal entgegen ging. Nach und nach kamen weniger Soldaten­züge und jetzt hieß es, warme Wollsachen schaffen, denn der Winter rückte heran. Wie manche ungeschickten Mädchenhände lernten die Nadeln gebrauchen, und stolz über das selbstvoll­brachte Werk machten sie den deutschen Jungen ein Feldpost­paketchen.

Endlich kamen die Nachrichten von den ersten siegreichen Schlachten. Doch mitten im Jubel wogte plötzlich eine bange Aufregung durch die Menge. Es waren Verwundetenzüge angemeldet, und alt und jung wollte dazu beitragen, diesen armen Leuten Erleichterung in ihren Leiden zu schaffen. Die Krankenpflegerinnen folgten sogleich dem Rufe der Pflicht und eilten den Schwerverwundeten zu Hilfe. Doch es waren auch noch andere da, mit leichteren Verwundungen .

Und um ihrem Geiste die Greueltaten des Krieges auszulöschen, wurden und werden noch immer Teste veranstaltet, welche den Tapfern eine frohe Stunde bereiten. Noch unendlich viele Pflichten harren gerade jetzt der deutschen Frau. Wie manch eine Familie ist des Ernährers beraubt worden und bedarf der Fürsorge und des Trostes. In wieder anderen Häusern muss die Mutter arbeiten gehen, und die Kinder wären unbeaufsichtigt, wenn nicht deutsche Mädchen sich der Kleinen annehmen würden.

Ein Blick in die Zeitung belehrt uns über die wirtschaftliche Lage Deutschlands, und es ist Pflicht eines jeden, besonders der deutschen Frau, sparsam zu sein im Gebrauch von Brot und Getreide. Auch das Goldgeld bringt unserm geliebten Vaterlande sehr großen Nutzen, und zur großen Freude des Staates ist schon  eine ungeheure Menge eingekommen. An dem Sammeln des Goldes haben sich auch die Mädchen eifrig beteiligt, und sie rechnen es zu ihrer Ehre, die Wanderungen durch alle kleinen asshen der Stadt und über Dörfer fortzusetzen. Neben der kriegerischen Waffe besteht noch ein weit größeres Schutzmittel unseres Vaterlandes. Es ist das flehentliche Bitten um den Schutz des Allerhöchsten, und wiederum sind es besonders wir Mädchen, denen diese Pflicht obliegt. Man kann auch hier wieder das alte Sprichwort anwenden:

„An Gottes Segen ist alles gelegen“

Möge der Sieg auch weiter mit unseren Fahnen sein; wenn die Männer ihr Leben für die Mädchen einsetzen, so wollen wir sorgen, ass das Vaterland wirtschaftlich auf der Höhe bleibt.

 

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In der Chronik des Gymnasiums Marienschule Euskirchen stellte ich auch die Zeit 1914 bis 1918 dar. Den vor Jahrzehnten interviewten Damen, die in jener Zeit das Lyzeum der Dominikanerinnen besuchten, war besonders die Betreuung der verletzten Soldaten und das „Laubheu-Sammeln“ in besonderer Erinnerung geblieben. In der Chronik „Unser Weg“ hieß es hierzu:

Der ab 6./7. August 1914 wieder erteilte Unterricht war didaktisch auch vom Kriegsgeschehen beeinflusst. Da wurden in den Handarbeitsstunden ausschließlich Liebesgaben für die im Felde ste­henden Soldaten angefertigt, da veranstaltete man für die Verwundeten im Zeichensaal eine patriotische Feier, zu der auch die Eltern der Schülerinnen eingeladen worden waren, da gelangten das Festspiel „Luise“ von Wagner-Grüttner, mehrere Lieder und Kriegsgedichte zum Vortrag. Die Chronik der Dominikanerinnen von Arenberg er­gänzt hierzu:

Auch zur Weihnachtsfeier für die Krieger waren Einladungen von den Schülerinnen ergangen. Ein Melodrama bildete den Eingang der Festfeier, dann folgte eine niedliche Engelgruppe. Die Krie­ger, zum Teil mit dem Eisernen Kreuz ge­schmückt, um den bis zur Decke ragenden Weih­nachtsbaum sitzend und die alten Weihnachtslieder singend, boten ein ergreifendes Bild, das den Lehrerinnen und Schülerinnen unvergesslich sein wird.

Feldpostpakete wurden versandt, 13 360 Mark Gold für die Reichsbank gesammelt, der Fall Ant­werpens und der Sieg an den Masurischen Seen auf gleiche Weise gefeiert. Am 29. März 1915 vereinigten sich die mittleren und oberen Klassen zu einer gemeinsamen Bismarckfeier. Die Schülerin der Klasse 1, Etha Thum, zeichnete sich am 11. 3. 1915 im Anfertigen eines Aufsatzes durch die Note „sehr gut“ aus. Das Thema des Klassenaufsatzes lautete: Wie kann das deutsche Mädchen dem Vaterlande im Kriege sich nützlich erwei­sen?

(…) Trotz vieler Entbehrungen und Nöte während der Kriegszeit sind den „Ehemaligen“ lustige Erinne­rungen geblieben. Da erzählen die Damen Mostert, Schäfer-Feickert und Weber-Kiwitz vom „Laubheu-Sammeln 1918“, als wenn es erst ge­stern gewesen wäre. Um die Nahrung deutscher Pferde anzureichern, mussten die Schülerinnen des Lyzeums Sancta Maria wie auch die Jungen des Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gymnasiums Laub im Billiger Wald aufsammeln, in Säcke füllen und – gemäß dem Min.-Erlaß vom 5. August 1914 – zu Sammelstel­len bringen. Demzufolge sah man morgens Schü­lerscharen zum Billiger Walde ziehen und abends Pferdefuhrwerke, die gefüllte Säcke und ermüdete Schulkinder zur Malzfabrik Frings auf der Münstereifeler Straße brachten. Bezahlt wurde dort das Laub nach Gewicht. Angeblich verdienten die Jungen mehr Geld, weil sie zusätzlich Steine in den Säcken unterbrachten.

Ein damals bekanntes Euskirchener Gedicht, im Volksblatt vom 16. 8. 1918 abgedruckt, lautet:

 

Eine Laub-Heu-Sammel-Fahrt

Was rennt das Volk, was wälzt sich dort
Die Billiger Straße brausend fort?
Stürzt Billig unter Feuersflammen?
Es rottet sich ein Sturm zusammen.
Und hoch beglückt, den Strang
berührt zu haben,
Der Karren zieht, begleiten frohe Knaben
Mit hellen Liedern die verehrte Last,
Ihnen stürzt in dicht geschlossenen Gliedern
Die ganze Schar der Freunde nach . . .
. . . Und der Professor mit frohem Blick
Von des Hügels weitschauender Spitze
Überzählet vom luftigen Sitze
der Säcke gefüllte Bäuche . . .
Wanderer, kommst du nach Billig, verkündige
dorten,
Du habest sie hier liegen gesehen,
Wo steil der Fahrweg herabstürzt . . .“

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