Die jüdischen Begräbnisstätten der Kreisstadt Euskirchen:
Jüdische Friedhöfe erinnern an die Vergangenheit

von Hans-Dieter Arntz
21.06.2009

Tradition und religiöses Brauchtum verpflichten Ju­den stets zur außerordentlichen Ehrerbietigkeit gegenüber den Stätten, an denen die Gebeine ihrer Vorfahren ruhen. Friedhof heißt auf Hebräisch Bet ha-Kewarot — Haus oder Ort der Gräber (Neh. 2:3), häufig aber auch Bet ha-Chajim — Haus oder Garten des Lebens, oder auch Bet Olam — Haus der Ewigkeit (Ecl. 12 :5). Er wird also mit Bezeichnun­gen belegt, die auf ihre Weise den Glauben an die Vergäng­lichkeit des Menschenlebens ausdrücken, obgleich die altte­stamentarischen Schriften und der Judaismus im Gegensatz zu anderen Religionen die Sterblichkeit des Menschen nicht bestreiten. Ersten Beleg für jüdische Begräbnisse im Umkreis von Euskirchen geben Urkunden, die vor vielen Jahren von dem ehemaligen Euskirchener Kreisarchivar Karl Otermann in Prag entdeckt wurden. Nach Peter Simon gab am 1. September 1467 Wilhelm II. von Blankenheim den Juden von Euskirchen und Blankenheim einen Morgen Land am Ende des Hofes zu Gawe als „Begräbnisplatz zu ewigen Zeiten" und sicherte den Angehörigen bei Leichen­begräbnissen durch „gutes Geleit ungestörten Hin- und Hergang."

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Dorfbewohner und jüdische Gäste besuchen die jüdischen Friedhöfe von Kirchheim und Flamersheim (1984)

 

Dennoch sollte in diesem Zusammenhang kurz auf ein kleines Gräberfeld in Euskirchen-Kuchenheim aus dem 6. bis 10. Jahrhundert hingewiesen werden, das Anfang der 1980er Jahre im Kuchenheimer Gäßchen entdeckt wurde, ab­seits der Kirchen St. Lambertus und St. Nikolaus. Die Ar­chäologen - und damals besonders Dr. Gerd G. Koenig - gingen aufgrund besonderer Funde davon aus, dass es sich um eine nicht­christliche (wahrscheinlich sogar jüdische) Volksgruppe han­delt. Dies dürfte dann eventuell eine der ältesten jüdischen Begräbnisstätten Deutsch­lands sein!

Jüdischer Friedhof in Euskirchen

Mit der Übernahme der Rheinlande durch die Preußen seit 1815 gab es auch strengere Gesetze für das Friedhofswesen. So mussten fortan alle Friedhöfe außerhalb der eigentlichen Wohnbereiche angelegt wer­den. Dies bedeutete für Eus­kirchen eine Umstellung, da deren Gräberfeld fast im Stadtzentrum lag. Dies war auch besonders notwendig, weil zum Beispiel in Euskirchen skandalöse Zustände herrschten. Seit 1780/81 kollidierten jüdische und christliche Interessen. Der jüdische Friedhof lag damals am Judenwall, dem inneren Teil der mittelalterlichen Stadtmauer. Hier befindet sich heute die 1909 gebaute Herz-Jesu-Kirche. Wie das 11. Kapitel (S.88 – 92) des Buches JUDAICA – Juden in der Voreifel  im 11. Kapitel detailliert berichtet, waren die jüdischen Leichname nicht tief genug beerdigt worden, und es bestand stets die Befürchtung, dass sie bei Hochwasser des Veybachs freigelegt werden könnten.

Für das Judentum war die neue Gesetzgebung der Franzosen eigentlich keine Um­stellung, denn die jüdischen Friedhöfe befanden sich eigentlich immer weit außerhalb der Ortschaf­ten. Dennoch war auch im 19. Jahrhundert der neue Euskirchener Judenfriedhof häufig Anlass zu kommunalen und juristischen Auseinandersetzungen. Das bereits erwähnte Buch JUDAICA berichtet insofern auch über einen besonders heftig geführten „Friedhofsprozeß“ (1879-1881). Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Herz-Jesu-Kirche im Stadtzentrum von Euskirchen gebaut wurde, protestierten viele Katholiken, weil es unvorstellbar sei, ein christliches Gotteshaus auf einem ehemaligen jüdischen Friedhof zu errichten. An diese diskriminierenden Reaktionen in Euskirchen erinnert sich die Herz-Jesu-Pfarrei nicht mehr, die zurzeit ihr 100jähriges Jubiläum feiert. Dabei gab es auf der Parzelle der neuen Kirche - schon seit etwa einem Jahrhundert - diese kleine jüdische Begräbnisstätte nicht mehr. Sie befand sich längst außerhalb der Stadtmauer, auf der „Cölner Straße“, etwa an der Stelle des heutigen Amtsgerichts. 1919 wurde der jüdische Friedhof der Stadt Euskirchen auf die Frauenberger Straße verlegt, wo er sich auch heute noch befindet.

Aber auch deswegen gab es Irritationen. Dem Talmudgebot zufolge soll eigentlich den Toten die Unversehrtheit ih­rer Gräber für ewige Zeiten gewährleistet sein. Aus diesem religiösen Grundsatz ergibt sich übrigens eine Reihe von Konsequen­zen, die bis zum heutigen Tag das eigentümliche Aussehen und die besondere Atmosphäre von Judenfriedhöfen bestimmen. Nach diesem Grundsatz blieben viele Judenfriedhöfe mit alten Grabmälern erhalten, während man auch auf wesentlich älteren christlichen Friedhöfen, auf denen die Gräber nach einiger Zeit eingeebnet werden, gewöhnlich nur Grabmäler aus dem vorigen Jahrhundert antrifft.

Bereits 6 Jahre, bevor der neue jüdische Friedhof auf der Frauenberger Straße der jüdischen Gemeinde übergeben wurde, betraute die Euskirchener Verwaltung den Euskirchener Stadtbaumeister Leven mit dem Entwurf zur Einrichtung des jüdischen Friedhofes auf der Frauenbergerstraße. Das 1913 von den Erben Cremer gekaufte, 14,9 Ar große Grundstück war inzwischen mit einer von Andreas Schweizer geschenkten Parzelle vereinigt worden, so dass nun 25,40 Ar zur Verfügung standen. Die in dieser Hinsicht schlecht informierte Euskirchener Bevölkerung erfuhr erst durch einen Artikel der „Euskirchener Zeitung" vom 8. Januar 1919, dass auf der Frauenbergerstraße der neue jüdische Friedhof sei, auf dem als erster der Glasermeister Josef Schwarz seine letzte Ruhestätte gefunden habe:

Nachdem fast ein Jahrhundert der Friedhof an der Kölner Straße seinen Zwecken gedient hat, wurde am letzten Sonntag der neue Friedhof an der Frauenbergerstraße anläßlich der Beerdigung des verstorbenen Glasermeisters Josef Schwarz unter sehr reger Beteiligung seiner Bestimmung übergeben.
Der neue Friedhof entspricht in Gr öße und Anlage der anwachsenden Gemeinde für lange Zeitdauer. Dank dem unablässigen Bemühen des derzeitigen Vorstehers, Herrn Siegfried Hanauer, und dem Entgegenkommen der Stadtverwaltung ist für die Toten eine würdige Ruhestätte bereitet worden. Mit einem Weihegebet des Herrn Religionslehrers begann und mit einem Schlußgebet endete die stimmungsvolle Feier!

Wenn auch der Friedhof nach der „Reichskristallnacht" geschändet und zerstört wurde, so gab es zu jener Zeit noch weitere Beerdigungen. Als letzte fanden hier wohl am 12. Februar 1941 der beinahe 80jährige Jakob Seligmann sowie der am 28. Januar 1942 verstorbene Adolf Meyer ihre letzte Ruhestätte.

 

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Jüdischer Friedhof Euskirchen

 

Welche Aktivitäten nach dem 2. Weltkrieg notwendig waren, um aus einem Sportplatz und „Kappesfeld“ wieder einen würdigen jüdischen Friedhof zu erstellen, wird in dem erwähnten Buch JUDAICA (S. 466 ff.) detailliert dargestellt. Zusätzlich teilte mir die einstige Vorsitzende der Synagogengemeinde Saar, Frau Martha Blum geb. Mayer, ein persönliches Erlebnis mit. Ihre Familie wohnte früher in Euskirchen. Ihre Eltern - Isidor und Sofie Mayer, wohnhaft am Schluss im „Judenhaus“ Baumstraße 7 -, wurden von hier aus nach Theresienstadt deportiert und kamen dort um. Zum Verständnis der nächsten Zeilen sollte man wissen, dass Johanna (Jenny) das erste jüdische Opfer Euskirchens war. Sie war an den Folgen der Ausschreitungen anlässlich des „Boykottages“ (1. April 1933) gestorben:

Als ich Jahre 1946 oder 1947 in Euskirchen den jüdischen Friedhof aufsuchen wollte, um das Grab meiner Schwester zu besuchen, traf ich zunächst auf starken Widerstand. Dann aber fuhren mich Bekannte an den Platz, der einmal der jüdische Friedhof war, und erklärten mir, dass die nun nur noch vorhandene Rasenfläche während der Nazi-Herrschaft zum Fußballplatz „umfunktioniert“ worden war. Alle Grabsteine hätte man abtransportiert.

Jüdischer Friedhof im Stotzheimer „Hardtwald“

Im Gebiet der Kreisstadt Euskirchen gibt es insgesamt seit der Eingemeindung (1969) folgende jüdische Friedhöfe: Kleinbüllesheim, Kuchenheim, Schweinheim, Kirch­heim und Flamersheim. Reste sind in Frauenberg und im Hardtwald mit Mühe erkennbar.

Seit 1659 sind die ersten Juden in Flamersheim nach­weisbar und somit auch weite­re Beerdigungen in der Umge­bung von Euskirchen. Diese fanden im Hardtwald bei Stotzheim statt, in der Nähe von den „zwei uralten Bu­chen", an der Straße nach Kirspenich. Unschwer lassen sich heute noch die Randwälle erkennen. Dieser „Judenkirchhof im Hardtwald“ wurde bereits „seit unvordenklicher Zeit“ benutzt. Klaus H.S. Schulte konstatiert, dass man Juden aus den Gemeinden Cuchenheim, Stotzheim, Kirspenich und Arloff, die ja damals noch keine „Bürger“ waren, hier beerdigen sollte. Da die preußische Regierung andere Pläne hatte, gab es einen Prozess, in dem es wörtlich hieß: „Die Klage der königlichen Regierung auf Ausweisung der Juden ist durch Urtheil vom 8. Februar 1826 zurückgewiesen und ein Rechtstitel nicht eingelegt ...“. Die Regierung in Köln forderte 1862 den Landrat des Kreises Rheinbach auf, sich der Sache erneut anzunehmen und erinnerte an das Angebot der Forstverwaltung, am Rande des Hardtwaldes eine Ersatzfläche für die Beerdigung der jüdischen Bürger gegen geringes Entgelt zur Verfügung zu stellen. Der letzte Grabstein wurde nach dem 2. Weltkrieg noch von dem Pfarrer aus Kreuzweingarten, Nikola Reinartz, sichergestellt.

Jüdischer Friedhof in Kuchenheim

Mit dem Anwachsen der jeweiligen jüdischen Gemein­den entstand auch die Notwen­digkeit, einen eigenen Fried­hof in der Nähe zu haben. So ist schon 1782 ein jüdischer Friedhof in Schweinheim nachweisbar (3090 qm, heute 14 Grabsteine). Im Jahre 1869 hatte die dortige Gemeinde mit 35 Angehörigen ihren Höchst­stand (1935 lebten hier nur noch vier Juden!). Der Kuchenheimer Judenfriedhof ist seit 1775 nachweisbar und somit älter als manches christli­che Gräberfeld. Die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Kuchenheim hatte ich bereits an anderer Stelle dargestellt (Vgl. hier auch: Jubiläumsbände, Kuchenheim 1984). In diesem Zusammenhang sollte auf den wichtigen Beitrag von Bondy hingewiesen werden: „Der jüdische Friedhof von Kuchenheim“.

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Grabstein für Irma Rolef
(Friedhof Euskirchen-Kuchenheim)

Das Gebot, die Gräber ihrer Vorfahren für ewige Zeilen zu sichern, veranlasste die Juden, bei einer Friedhofsgründung das Grundstück vom Eigner oder einer Stadt in den Dauerbesitz zu gewinnen. Für dieses Vorrecht mussten sie nicht selten beträchtliche Summen zahlen, für die sie dann normalerweise nur ein minderwertiges, zu keinem anderen Zweck taugendes Stück Boden erhielten. Das ist der Grund, warum man alte Judenfriedhöfe so häufig in abschüssigen Hanglagen oder hügeligen Waldstücken, auf Kuppen oder Fluss- oder Bachtalhängen oft in beträchtlicher Entfernung vom jeweiligen Städtchen bzw. Dorf - oder allgemein an un­wegsamen Orten trifft. Aber gerade wegen der Wahl von derart entlegenen oder versteckten Stellen bei der Anlegung ist eine relativ hohe Zahl der alten Judenfriedhöfe bis heute erhalten geblieben.

Man kann man davon ausge­hen, dass die jüdischen Friedhöfe Flamersheim, Kirchheim oder Schweinheim grundsätzlich zu den ältesten Anlagen des Kreises Euskir­chen gehören.

Ein gewisser Peter Krupp überließ damals der „Cuchenheimer Kehilla“ das Gelände zwischen Kuchenheim und Euskirchen. Das Wäldchen — gegenüber dem heutigen RWE — ist in den großflächigen Feldern sofort erkennbar. 1880 wurde es von Michael Sommer käuflich erworben und gelangte so völlig in den Besitz der Kuchenheimer Ju­den. Und 1888 kam eine weitere Parzelle hinzu. Damals betrug die Entfernung zum nächsten Wohnhaus einen Kilometer. Die letzten Beerdigungen gab es im Jahre 1929, als die 19jährige Irma Rolef und der 80jährige Hermann Sommer verstarben.

friedhof_06Nach  der rassistischen ND-Terrorherrschaft gab es einen Protest gegen die würdevolle Rückübertragung des jüdischen Friedhofs von Kuchenheim (1946-1950). Ich erinnere daran, dass ich die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Kuchenheim bereits 1984 im 2. Jubiläumsband der ehemaligen Gemeinde Kuchenheim dargestellt habe. Der seit dem Jahre 1775 bestehende „Judenfriedhof“ gehört heute zu den jüdischen Begräbnisstätten der Kreisstadt Euskirchen. Auch er wurde von den Nationalsozialisten geschändet und ab dem Jahre 1943 vom damaligen Gemeindevorsteher zweckentfremdet. Ein Teil der Epitaphien bzw. Epitaphe wurde niedergelegt und zerstört oder verkauft, so dass heute nur noch 13 vorhanden sind. Wenn man den etwa 900 qm großen Begräbnisplatz inmitten hoher Bäume betritt, sollte man sich an einen interessanten Sachverhalt erinnern.

Aus der erhalten gebliebenen Korrespondenz, die sich noch im Euskirchener Stadtarchiv, Bestand V, Nr. 213 (ehemaliges Amt Kuchenheim) befindet, ist ein mehrjähriger Streit ersichtlich, der nach dem 2. Weltkrieg bis zum Jahre 1950 die würdevolle Rückübertragung verhinderte. Der frühere Gemeindebürgermeister formulierte seine Weigerung folgendermaßen:

»... Muss Ihnen mitteilen, dass von mir aus keine Schäden an dem Friedhof angerichtet wurden. Der Friedhof ist heute in demselben Zustand wie zur Zeit, als ich denselben übernommen habe. Die Grabsteine gehen mich überhaupt nichts an, da ich diese nicht mitgekauft habe. Die Vereinigung der Juden in Deutschland hat die Grabsteine durch ihren Angestellten Ernst Peiser in Köln an ein Steinhauergeschäft in Euskirchen verkauft. Sollte die Synagogengemeinde Köln Interesse an dem Friedhof haben, so stelle ich denen frei, den Friedhof zu überneh­men, wenn diese mir mein ausgelegtes Geld zurückzahlt. Ich habe keinen Nutzen aus dem Friedhof gezogen und hat derselbe keinen Wert für mich. Ich hatte den Friedhof aus dem Grunde gekauft, dass er nicht in andere Hände kam und umgeackert wurde, weil ich s. Zt. Gemeindebürgermeister war und ich nicht gerne hatte, dass der Friedhof zu meiner Amtszeit vernichtet werden sollte.«

Der jüdische Friedhof von Kirchheim

friedhof_06Kirchheim und Flamersheim waren seit jeher im religiösen Bereich vereinigt, so dass fast alle Verwandtschafts­beziehungen in beiden Dör­fern wurzeln. Noch die Eltern des bekannten Jupp Weiss (1893-1976), einst „Judenältester von Bergen-Belsen", leb­ten bis 1890 in Kirchheim. Ihr für Eifeler Verhältnisse stattliches Grabmal befindet sich jedoch auf dem Flamersheimer Friedhof. Als letzter wurde Lazarus Ulmer auf dem jüdischen Friedhof von Kirchheim am 21. Juni 1907 bestattet.

Der Kirchheimer Judenfriedhof in Oberkastenholz ist bereits im Handriss von 1828 als solcher eingetragen. Daneben befand sich damals der große Teich des Burgherrn von Vincke. 1907 wurde der Friedhof wegen Überfüllung geschlos­sen. In den Jahren 1928 wurde er von Betrunkenen, 1938 von Fanatikern verwüstet. Heute sind nur noch sieben Grabstei­ne auf dem 566 qm großen Areal vorhanden, die aus der Zeit von 1858 bis 1907 stam­men. Insgesamt macht der kleine jüdische Friedhof einen gepflegten Eindruck. Bei einer Besichtigung am 15. und 16. Mai 2009 stellte ich fest, dass inzwischen ein neues Tor mit Davidsstern installiert worden ist. Die Inschriften der wenigen Grabsteine sind aufschlussreich. Hierzu ein Beispiel in der Übersetzung aus dem Hebräischen. Symbolhaft ist das Relief der Priesterhände:

Das ist Benja min Rolef zu Kirchheim, 1790 -1858.

Baruch, Sohn des David Kohen. Er ging den Weg allen Lebens und wurde begraben am Freitag, dem 17. Sivan 618. Seine Seele soll verbunden sein mit dem Bund des Lebens.

Der jüdische Friedhof von Flamersheim

Weitere Beerdigungen nach 1907 fan­den auf dem benachbarten Flamersheimer Judenfriedhof statt. Er bestand schon vor 1790 und befand sich auf der Parzelle „Auf Hall“. 1828 erfolgte eine weitere Erwähnung in den Kataster­unterlagen. Die jüdischen Gräber befinden sich „Im obersten Driefeldchen" (Flur 6, Flurstück 358, 1034 qm groß). Etwa 26 Grabsteine sind noch vorhanden. Einige davon sind jedoch zerschlagen oder nicht mehr lesbar.

 

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Flamersheim hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts 13 Prozent jüdische Einwohner. Die Dorfgemeinschaft gedachte (1984) dieser Zeit durch Niederlegen eines Gebindes (Fotos: Arntz).

 

Historisch bedeutsam ist in diesem Zusammenhang, dass 1939 — beim Tod von Rosalie Daniel geborene Berlin aus Kirchheim —, nicht nur jüdi­sche, sondern auch christliche Familien aus den Dörfern Flamersheim und Kirchheim an der Beerdigung teilnah­men. Die 1860 in Meckenheim geborene Rheinländerin war mit ihren Angehörigen so in der Dorfgemeinde verwurzelt, dass es selbst die wenigen Nationalsozialisten angeblich nicht wag­ten, die Feierlichkeiten auf dem Flamersheimer Friedhof zu stören. Die letzte Beerdigung eines Flamersheimer Juden fand ebenfalls 1939 statt. Die später in New York lebende Else Oster (verheiratete Salomon) teilte schriftlich mit, wel­che bedrückende, aber auch etwas versöhnende Situation ihr in Erinnerung geblieben ist:

Als mein Vater, Gustav Oster, 1939 starb, konnten wir keinen Lei­chenwagen bekommen. Aber unser nächster Nachbar, Franz Scheuer, hatte sich nicht ängstigen lassen. Er brachte auf seinem Mistwagen den Sarg zum jüdischen Friedhof. Meine Brüder und Freunde haben das Grab ausgegegraben und zugeschaufelt...

Prof. Dr. Gerald Weiss (USA) teilte mir am 9. Juni 2009 mit:

The Flamersheim cemetery had been totally destroyed in 1942. We in America did not know that until 1955 when I visited, saw it, and reported it to my father, who reported it to US authorities who reported it to the German authorities. The cemeteries were cleaned up, but in Flamersheim no stones or pieces of stones could be found. The mystery was solved months later during the clean-up and reconstruction of the Euskirchen Jewish cemetery. The vandals had taken the Flamersheim stones, broken and intact, and thrown them into the Euskirchen cemetery. It was possible to piece some of the monuments together again, for example the double stone for my grandparents Albert & Mathilde Weiss. But for many others there were too many fragments and the pieces were too small. Photographs of the original could be supplied by surviving relatives, but the German authorities were too poor to pay for brand new stones.

 The Kirchheim cemetery does not look any different to me today from its appearance in 1936, just a few stones. From the death certificates I have collected, I know that eleven of my Weiss ancestors died in Kirchheim between 1821 and 1896. But the only preserved gravestone is that of great-grandmother Esther nee Salomon.

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Nachdem der jüdische Friedhof in den Jahren 1928 und 1938 bereits geschändet worden war, wiederholten sich die antisemitischen Zerstörungen etwa 1956 noch einmal. Dasselbe geschah erneut im Mai 2009. Das bereits erwähnte Grab von Gustav Oster (18.10.1879-2.3.1939) wurde ebenfalls mit Farbe beschmiert. Dasselbe gilt für das Grabmal der Familie Cleffmann, deren Angehörige mit dem französischen Außenminister Maurice Schumann verwandt sind.

Vgl. mein Online-Bericht mit einer Fotoserie auf dieser Website. Es beibt anzumerken, dass die jüdischen Friedhöfe von Kirchheim und Flamersheim seit 1988 in die Denkmalliste der Stadt Euskirchen eingetragen sind.

 

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Jüdische Grabpflege und ihre Bewertung durch die Eifeler Bauern

Jüdische Grabpflege hat ihre besonderen Formen. Seit dem Mittelalter sind Blumen als Grabschmuck verpönt, weil es ein nichtjüdischer Brauch ist. In talmudischen Zeiten gab man, so wird erzählt, wohlrie­chende Kräuter und derglei­chen dem Toten bei der Beer­digung bei.

Die Feier auf dem „Jüddekerchef" war schmuck­los, zumal der Verstorbene in einer Holzkiste und nicht in einem prachtvollen Sarg seine letzte Ruhestätte findet. Christen waren nur selten anwesend. Wie sich dann die Eifeler Redensart entwickelte, die beim Stolpern über einen Stein folgte: Aid widder ene Jüd begrave(Schon wieder ein Jude begraben), bleibt unklar. Auch der Tod eines unbeliebten Mitbürgers fand eine Formulierung, die für einen Juden nichts Positives ausdrückt: „Dat däht mer kam (keinem) Juden wönschen!" (Bitburg). Unklar und durchaus diskussionsbedürftig bleibt auch die Schleidener Formulierung: „Die Lamp brennt, als wenn eine Jüd am harschte war" oder die aus Düren. Häs du net gesehn dem ale Jüd sen Ben; häs de net gerouche dem ale Jüd seng Knouche?"

Nur noch wenige mundartliche Redensarten im Dialekt und Platt der Eifel und einige jüdische Begräbnisplätze erinnern an das Judentum der Region. Beim Betreten der schmucklosen Friedhöfe, die heute unter Denkmalschutz stehen und von den jeweiligen Gemeinden gepflegt werden müssen, erinnern sich zumindest die Bewohner aus Kommern an den Vers: „Wenn de Jüd jestorwen es, dann steckt man se en de Eierkeß!"

Im Vergleich zu den christli­chen Friedhöfen muss bedacht werden, dass es — zumindest in der Voreifel — kaum noch Verwandte und Angehörige gibt, die die jüdischen Gräber pflegen. Insofern ist es ver­ständlich, dass es nicht nur juristisch, sondern auch moralisch die Pflicht einer jeden Gemeinde ist, die vorgeschriebene Pflege zu übernehmen.

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